Gedanken zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch in Europa

Ich weiß nicht, ob jedes einzelne Detail der aktuellen Debatten exakt stimmt. Aber das Gesamtbild, das sich gerade zeigt, erscheint mir schlüssig genug, um darüber nachzudenken.

Deutschland und Europa reagieren auf den globalen wirtschaftlichen Druck zunehmend mit Schutzzöllen, Schutzmaßnahmen und sogenannten Sondervermögen. Für mich ist ein Sondervermögen allerdings kein Vermögen, sondern letztlich ein Darlehen. Man kann nicht zur Bank gehen und sagen, hier liegt mein Sondervermögen, bitte auszahlen. Es ist geliehenes Geld, das irgendwann zurückgezahlt werden muss, nur anders verpackt.

Gleichzeitig erleben wir, dass Länder wie China, Russland und Indien wirtschaftlich immer stärker werden. Nicht, indem sie Länder besitzen wollen, sondern indem sie Firmen übernehmen, Beteiligungen aufbauen oder gezielt Schlüsselindustrien kontrollieren. Wer die Schlüsselindustrie in der Hand hat, hat langfristig auch erheblichen Einfluss auf ein Land.

Ein aktuelles Beispiel ist BYD, die Produktionsstandorte in Europa aufbaut. Ob man diese Marke gut findet oder nicht, ist dabei nicht entscheidend. Entscheidend ist, was passiert, wenn die europäische Wirtschaft weiter an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Dann wird es einen Umbruch geben. Wahrscheinlich schmerzhaft, wahrscheinlich mit sozialen Verwerfungen. Und danach werden viele zentrale Industrien nicht mehr europäisch geführt sein.

Vielleicht müssen wir Europäer uns auch selbstkritisch betrachten. Wir sind in Teilen sehr egoistisch und arrogant geworden. Der Wohlstand der vergangenen Generationen wurde zur Selbstverständlichkeit. Das ist nicht per se negativ. Es ist schön, dass viele Menschen ein gutes Leben führen. Gleichzeitig ist aber auch eine gewisse Trägheit entstanden. Die Generation, die Deutschland einst aus dem Nichts aufgebaut hat, ist faktisch nicht mehr aktiv. Die neue Generation lebt vom Erbe dieser Leistung. Das ist menschlich, aber es verändert die Wettbewerbsfähigkeit.

Meine persönlichen Erfahrungen zeigen mir zudem große kulturelle Unterschiede. In weiten Teilen Russlands, Chinas sowie in Zentral- und Südamerika habe ich viele freundliche, hilfsbereite und gemeinschaftlich denkende Menschen erlebt. Natürlich gibt es überall Korruption. Das ist leider ein menschliches Phänomen und kein nationales. Aber der Grundton im Umgang miteinander ist vielerorts weniger egozentrisch als in Europa oder den USA.

Ich selbst habe bereits in den 1990er Jahren gespürt, dass eine grundlegende Erneuerung notwendig sein wird. Nicht aus Ablehnung gegenüber Deutschland oder Europa, sondern aus dem Gefühl heraus, dass bestehende Strukturen auf Dauer nicht tragfähig bleiben. Aus dieser inneren Haltung heraus habe ich mich bemüht, andere Wege zu gehen. Über die Jahre ist daraus eine kleine Gemeinschaft entstanden. Menschen aus verschiedenen Generationen, die für kürzere oder längere Zeit zusammenleben, sich austauschen, voneinander lernen und wieder weiterziehen. So, wie es für ihr Leben gerade passt.

Das ist kein Gegenmodell und kein moralischer Anspruch. Es ist ein Versuch, menschlich zu bleiben, Gemeinschaft zu leben und Verantwortung im Kleinen zu übernehmen. Ohne Rechthaberei, ohne Überheblichkeit, sondern mit Offenheit, Neugier und gegenseitigem Respekt.

Auch geopolitisch verschieben sich die Gewichte. Russland hat gezeigt, dass es trotz vorhandener militärischer Möglichkeiten nicht maximal eskaliert hat. Der alte Machtkampf zwischen den USA und Russland scheint auf dem europäischen Schauplatz faktisch entschieden. Die Frage ist nicht mehr, wer gewinnt. Die Frage ist, welche Rolle Europa künftig einnimmt.

Vielleicht wäre es klug, sich ernsthaft um partnerschaftliche Beziehungen zu China und Russland zu bemühen. Nicht aus Unterwürfigkeit, sondern aus Realitätssinn. Solange man uns noch als Partner wahrnimmt. Denn eines sollten wir uns ehrlich eingestehen. Dieser Umbruch lässt sich nicht mehr wegdiskutieren, nicht mehr wegsubventionieren und nicht mehr aufhalten. Er findet bereits statt.